Es beginnt nicht mit einem großen Streit
Was in vielen Elternpaaren als schleichendes Gegeneinander beginnt, lässt sich selten auf einen einzigen Moment zurückführen. Es beginnt kleiner. Ein Seufzen, das zur falschen Zeit kommt. Ein Tonfall, den man schon zu kennen glaubt, bevor der Satz fertig ist. Die Gewissheit, die sich irgendwann einstellt: Ich weiß, was als nächstes kommt. Ich kenne den Typ.
Das ist der Moment, in dem wir aufgehört haben, den Menschen vor uns zu sehen — und stattdessen ein Muster sehen. Und Muster verdienen keine Neugier, keine Verletzlichkeit, keine Offenheit. Muster verdienen Strategien.
Genau hier beginnt, was wir Verfeindung nennen. Nicht Hass. Nicht Gleichgültigkeit. Sondern diese stille, erschöpfte Überzeugung: Ausgerechnet dieser Mensch, der mir am nächsten sein sollte, ist derjenige, der mir am meisten wehtut.
Die drei Schutzbewegungen
In unserer Arbeit mit Elternpaaren begegnen uns immer wieder drei Bewegungen. Wir nennen sie zugespitzt: Schimpfen, Flüchten, Anpassen. Diese Begriffe sind keine Diagnosen und keine Charakterurteile. Sie beschreiben Schutzbewegungen — Versuche, mit Schmerz, Angst oder Überforderung umzugehen.
Kontakt suchen — und wie Angriff klingen
Der Wunsch dahinter: VerbindungWer schimpft, kämpft eigentlich um Kontakt. Der Druck, die Kritik, das Lautwerden — das ist der Versuch, den anderen zu erreichen. Weil ruhig sagen, was weh tut, zu oft nicht gehört wurde. Weil Verletzlichkeit sich nicht sicher anfühlt.
Sicherheit suchen — und wie Kälte wirken
Der Wunsch dahinter: RegulierungWer flüchtet, sucht nicht Distanz aus Gleichgültigkeit. Das Nervensystem ist überflutet — und zieht sich zurück, weil das das Einzige ist, was in diesem Moment noch geht. Alleinsein als einzige bekannte Form von Pause.
Frieden suchen — und sich selbst verlieren
Der Wunsch dahinter: SicherheitWer sich anpasst, glättet, beschwichtigt, gibt nach — bevor der eigene Impuls überhaupt auftaucht. Konflikte werden vermieden, um eine Spannung zu senken, die sich schon immer bedrohlich angefühlt hat. Der Preis: irgendwann ist man selbst nicht mehr da.
Drei Bewegungen, drei Innenräume — und ein entscheidender gemeinsamer Nenner: Keine dieser Personen wählt ihr Verhalten bewusst. Sie reagieren aus dem, was sie gelernt haben. Aus dem, was einmal Schutz bedeutete.
Wie sie sich gegenseitig auslösen
Das Schwierige daran: Diese Schutzbewegungen existieren nicht im Vakuum. Sie entstehen nicht allein — sie entstehen in Begegnung. Sie antworten aufeinander. Sie verstärken sich.
Der gemeinsame Tanz
Die Schimpfende braucht jemanden, der flüchtet — weil erst in dieser Atmosphäre des Kontaktverlustes ihr Druck entsteht. Der Flüchtende braucht jemanden, der drängt — weil erst der Druck den Fluchtimpuls auslöst. Die Anpassende braucht eine Spannung, die ihr Angst macht — sonst hätte sie keinen Impuls zu glätten.
Und so entsteht das Drama: Zwei Menschen versuchen, sich zu schützen — und lösen damit beim anderen genau die Reaktion aus, vor der sie sich schützen wollten.
Die Schimpfende wird lauter, weil der andere nicht erreichbar ist. Der andere wird unerreichbarer, weil sie lauter wird. Beide landen in der Einsamkeit, vor der sie sich schützen wollten.
Wie schnell das geht, haben wir in unserer Arbeit mit Elternpaaren immer wieder erlebt. Wie aus einem harmlosen Satz in Sekunden ein voll gültiges Drama wird. Wie beide Seiten im Moment der Eskalation absolut überzeugt sind, die Verletzlichere, die Missverstandenere zu sein. Wie beide gleichzeitig recht haben — und wie das trotzdem nicht hilft.
Eine Szene: wenn kleine Momente alles auslösen
Teresa erzählt aus den ersten Jahren ihrer Beziehung mit Jens:
Ich laufe von der Bahn nach Hause. Es ist kurz nach elf. Im Wohnzimmer brennt noch Licht. Ich öffne die Tür voller Freude, ich mag dieses Gefühl, dass da jemand ist, zu dem ich zurückkomme.
Jens sitzt auf der Couch. Er hebt kurz den Kopf, lächelt abwesend in meine Richtung, sagt freundlich „Hallo" — und ist einen Augenblick später schon wieder in sein Buch vertieft.
Innerhalb einer Nanosekunde kippt etwas in mir. Dieser ignorante Idiot. Kann er mich nicht einmal so begrüßen, als würde er sich wirklich freuen? Ich war gerade mal fünf Stunden weg — aber etwas in mir erlebt: Ich bin allein. Niemand freut sich, dass ich da bin.
Was folgt, ist vorhersehbar. Ich suche den gelben Zettel auf dem Kühlschrank — „Theo Geburtstag" — und bringe damit den Streit, den eigentlich das abwesende Hallo ausgelöst hat. Danach schäme ich mich in Grund und Boden. Wie unreif. Wie bedürftig. Was stimmt nicht mit mir?
Erst in der Nacht danach beginne ich zu verstehen: Diese Reaktion kam nicht aus dem Nichts. Sie war einmal eine Rettungsbewegung. Als Kind kam ich nach Hause, klingelte — und niemand öffnete, obwohl das Auto meiner Mutter in der Garage stand. Diese stillen Nachmittage. Diese Einsamkeit. Ein Kind kann nicht aushalten, sich nicht geliebt zu fühlen. Also lernt es: Kämpfen. Lautwerden. Irgendetwas tun, damit es nicht so still bleibt.
Dieser Moment — das Begreifen unter der Scham, unter dem Vorwurf, was eigentlich da war — das ist der Beginn von Entfeindung. Nicht Jens hat sich verändert in dieser Nacht. Teresas Blick auf sich selbst hat sich verändert. Und damit auch der Blick auf ihn.
Was Entfeindung bedeutet
Unter Angriff, Rückzug und Anpassung wird wieder ein Mensch erkennbar — mit Angst, Sehnsucht, Überforderung und dem Versuch, sich irgendwie zu schützen. Entfeindung bedeutet nicht, alles gut zu heißen. Sie verändert den Blick: Nicht mehr nur, was tust du mir an? Sondern auch: Was geschieht da gerade in dir — und was geschieht in mir?
Entfeindung ist kein Ziel, das man einmal erreicht. Sie ist eine Fähigkeit, die man übt — mit Unterstützung, im Laufe der Zeit. Man wird weiterhin getriggert werden. Es wird Momente geben, in denen man nur das Muster sieht und nicht mehr den Menschen. Das ist keine Niederlage. Das ist menschlich.
Der Unterschied liegt nicht darin, ob man sich verfeindet fühlt. Sondern wie lange. Und ob man einen Weg zurück kennt.
Jens beschreibt es so: „Was uns in der Arbeit mit Paaren immer wieder berührt, sind die Momente, in denen unter dem manchmal ungünstigen Verhalten wieder ein Mensch erkennbar wird. Aus dem Gegner wird wieder ein Gegenüber."