Thema · Der Tanz

Schimpfen. Flüchten. Anpassen.

Wie drei Schutzbewegungen sich gegenseitig antreiben und warum wir im Streit irgendwann nur noch sehen, was der andere falsch macht.

Teresa & Jens Heidegger · Lesedauer ca. 10 Minuten
Drei Figuren — Schimpfen, Abwehren, Rückzug

Drei Bewegungen, keine Diagnosen

In vielen Elternpaarbeziehungen tauchen immer wieder ähnliche Bewegungen auf. Wir nennen sie zugespitzt: Schimpfen, Flüchten, Anpassen.

Die Begriffe klingen erst einmal ziemlich unfreundlich. Gemeint sind damit aber keine Charaktereigenschaften und keine Diagnosen. Wir beschreiben damit Bewegungen, in die Menschen geraten, wenn Beziehung schwierig wird. Wenn wir uns nicht gesehen fühlen. Wenn wir Angst bekommen, den anderen zu verlieren. Wenn uns Nähe zu viel wird. Wenn wir nicht wissen, wie wir mit Spannung umgehen sollen.

Oft fühlen sich diese Reaktionen überhaupt nicht wie eine Strategie an. Sie fühlen sich an wie die einzig mögliche Reaktion.

Schimpfen

Kontakt suchen und wie Angriff klingen

Der Wunsch dahinter: Verbindung

Wer schimpft, fordert oder drängt, kämpft häufig um Kontakt. Der andere soll endlich reagieren, zuhören, verstehen, da sein. Je weniger Kontakt entsteht, desto größer wird der Druck. Von außen klingt das schnell nach Angriff. Von innen kann es sich sehr anders anfühlen: nach Verzweiflung, Einsamkeit und dem Versuch, den anderen doch noch zu erreichen.

Flüchten

Sicherheit suchen und wie Kälte wirken

Der Wunsch dahinter: Regulierung und sich wieder selbst spüren

Wer flüchtet, verstummt oder sich zurückzieht, erlebt die Situation oft als überwältigend. Irgendwann geht nichts mehr. Dann wird Abstand zur einzigen Möglichkeit, wieder etwas Ruhe zu bekommen und sich selbst überhaupt noch zu spüren. Für den anderen sieht dieser Rückzug leicht aus wie Gleichgültigkeit oder Ablehnung.

Anpassen

Frieden suchen und sich selbst dabei verlieren

Der Wunsch dahinter: Sicherheit

Wer sich anpasst, versucht Spannung möglichst früh zu vermeiden. Man glättet, beschwichtigt, gibt nach und merkt manchmal erst sehr spät, dass die eigenen Wünsche kaum noch vorkommen. Nach außen kann das friedlich aussehen. Innen wird es irgendwann leer.


Das Entscheidende ist das Dazwischen

Wenn wir diese Bewegungen einzeln betrachten, könnte man schnell denken: Dann muss eben die Schimpfende weniger schimpfen. Der Flüchtende muss lernen, nicht wegzugehen. Die Anpassende sollte endlich mehr für sich einstehen. Aber so einfach ist es nicht. Denn Beziehungsmuster entstehen zwischen Menschen.

Je mehr eine Person drängt, desto stärker kann die andere das Bedürfnis bekommen, sich zurückzuziehen. Je weiter sie sich zurückzieht, desto größer kann bei der ersten Person die Angst werden, den Kontakt ganz zu verlieren. Je mehr einer schweigt oder sich anpasst, desto mehr versucht die andere vielleicht herauszufinden, was denn nun wirklich los ist. Und so treiben sich die Bewegungen gegenseitig an.

Zwei Menschen versuchen, sich zu schützen und lösen damit beim anderen genau die Reaktion aus, vor der sie sich schützen wollten.

Die Schimpfende wird lauter, weil der andere nicht erreichbar ist. Der andere wird unerreichbarer, weil sie lauter wird. Und beide landen am Ende genau dort, wo keiner von beiden hinwollte: in der Einsamkeit.


Derselbe Abend. Zwei völlig verschiedene Wirklichkeiten.

Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und innerlich in vollkommen verschiedenen Wirklichkeiten sein. Für die eine ist klar: „Ich bemühe mich um uns. Und du lässt mich hängen." Für den anderen: „Ich schaffe sowieso nichts richtig. Und jetzt kommt schon wieder etwas, dem ich nicht genügen werde."

Beide sehen irgendwann vor allem noch, was der andere ihnen antut. Und beide können kaum noch mitbekommen, was auf der anderen Seite eigentlich geschieht. Genau dafür haben wir in unserem Buch eine Szene aus zwei Perspektiven geschrieben.

Auszug aus unserem Buch, gekürzt
Marlen und Philipp
Sie will endlich einen Abend zu zweit. Er geht eine rauchen. Wir erzählen denselben Abend zuerst aus Marlens und dann aus Philipps Perspektive. Die folgenden Passagen stammen aus unserem Buch „Damit wir keine Feinde werden". Wir haben sie für diese Seite lediglich gekürzt.
Marlen

Ich liege allein im Bett und kämpfe verzweifelt gegen meine bescheuerten Tränen an. Ich will nicht rumflennen, sondern wütend sein und es ihm heimzahlen. Der ganze Abend ist mal wieder völlig anders verlaufen als geplant.

Als ich dann endlich aus Tammos Zimmer rauskomme, ist überall dunkel. Kein Licht im Wohnzimmer. Keine Musik. Keine Kerzen. In der Küche steht noch der gesamte Abwasch. Und von ihm keine Spur. Im ersten Moment denke ich, es ist vielleicht etwas passiert. Voller Panik rufe ich nach ihm. Und dann rieche ich es. Er steht auf dem Balkon und raucht. Er raucht!

Ich laufe einmal um den Block und merke, dass meine Wut nicht abnimmt. Und ich merke dabei leider auch, wie verzweifelt ich bin und wie sehr ich mich danach sehne, mit ihm in Kontakt zu sein. Ich schaffe es nicht. Ich muss zu ihm.

Philipp

„Na gut", sagt sie großzügig. „Ich bringe Tammo ins Bett und du machst hier alles schön, und wir verbringen noch einen kuscheligen Abend zusammen, okay?" Sie küsst mich auf die Wange. Ich nicke. Innerlich sacke ich noch ein bisschen mehr in mich zusammen.

Ich kann mich jetzt nicht als Erstes an diese Küche machen. Lasst mich hier raus. Ich setze mich auf die Terrasse und zünde mir eine Zigarette an. Der erste Zug bringt sofort etwas Entlastung.

Dann kommt die Welle. Wut. Hass. Alles. Ich mache die Augen zu. Als sie endlich aufgehört hat, ist es totenstill. Irgendwo in mir weiß ich, dass ich jetzt etwas sagen müsste. Aber ich sitze da und bringe nichts raus. Nicht ein Wort. Nicht eine Geste.


Was darunter liegt

Wenn man beide Innenwelten kennt, sieht derselbe Abend plötzlich ganz anders aus. Marlen erlebt nicht einfach eine unaufgeräumte Küche und einen Mann, der raucht. Bei ihr kommt an: „Ich bin ihm nicht wichtig. Er lässt mich allein."

Philipp erlebt nicht einfach die Einladung zu einem schönen Abend. Er kommt aus einem Nachmittag, an dem sein Selbstwertgefühl ohnehin schon ziemlich am Boden ist. Und dann kommt Marlen und bietet an, Tammo ins Bett zu bringen. Für sie ist das ein Geschenk. Sie freut sich auf Philipp. Bei ihm landet dieselbe Situation vollkommen anders: „Da will schon wieder jemand etwas von mir."

Und genau das ist das Verrückte an solchen Dynamiken: Beide reagieren auf etwas, das für sie in diesem Moment vollkommen real ist. Und beide können gleichzeitig kaum noch sehen, was auf der anderen Seite geschieht.

„Marlen wird lauter, weil Philipp nicht erreichbar ist. Philipp wird unerreichbarer, weil Marlen lauter wird. Beide versuchen, sich zu schützen. Und beide landen genau in der Einsamkeit, vor der sie sich schützen wollten."

Das ist der Tanz.


Der erste Ausstieg ist Neugier

Unser Ziel ist deshalb nicht, Paaren beizubringen, sich immer richtig zu verhalten. Wir möchten mit ihnen erforschen, was in den Momenten geschieht, in denen sie sich verlieren.

Was passiert kurz bevor ich laut werde?

Was erlebe ich, bevor ich verschwinde?

Was fürchte ich, wenn die andere Person auf Abstand geht?

Was passiert auf der anderen Seite, wenn ich versuche, mich auf diese Weise zu schützen?

Vielleicht merke ich irgendwann einen kleinen Moment früher: „Ich werde gerade nicht nur wütend. Ich bekomme Angst, dass du wieder weg bist." Oder: „Ich will dich gerade nicht wirklich verlassen. Ich bin so überfordert, dass ich mich selbst kaum noch spüre."

Solche Momente verändern nicht sofort die ganze Beziehung. Aber sie schaffen einen kleinen Abstand zu dem, was vorher vollkommen automatisch ablief. Aus „Du bist einfach so." kann langsam werden: „Ah. Da sind wir wieder. Wir sind wieder in unserem Tanz." Und genau dort entsteht die Möglichkeit, etwas anders zu machen.


Eure eigene Dynamik verstehen

In unserer Paarbegleitung schauen wir mit euch gemeinsam darauf, wie euer ganz eigener Tanz funktioniert. Was löst was aus? Was geschieht in jedem von euch? Was liegt unter Angriff, Rückzug oder Anpassung? Und wo könnte es möglich werden, einen Moment früher zu bemerken, was gerade passiert?

Ihr müsst das nicht allein herausfinden.

Ein erstes Gespräch ist kostenlos, dauert 20 Minuten und verpflichtet zu gar nichts.

Kostenloses Orientierungsgespräch Zur Paarbegleitung →